Wirtschaftsinformatik (Bachelor-Studiengang): Rechnernetze/Onlinedienste (2. Semester)

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BM / CM, Kurs vom 01.10.2002 - 31.03.2003

Rechnernetze/Onlinedienste: Standardisierung: Standardisierung allgemein (Wer legt die Protokolle fest?, Ziele von Standards, Standards/Normen, Phasen der Standardisierung), Nationale Standardisierungsorganisationen (CCITT, CCITT / ITU-T, ITU-T), Festlegungen des Internets (Ergebnisse, World Wide Web Consortium, Herstellervereinigungen).

  1. Standardisierung allgemein
  2. Nationale Standardisierungsorganisationen
  3. Festlegungen des Internets

Standardisierung allgemein

Wer legt die Protokolle fest?

Grundlage von Verabredungen in der Kommunikation sind:

  • Internationale Standards
  • National Standards
  • Empfehlungen (Recommendations)
  • Request for Comments (RFC)
  • Industriestandards
  • De Facto-Standards

Ziele von Standards

Herstellen von Kompatibilität zwischen Produkten verschiedener Hersteller, möglichst weltweit und für einen sehr langen Zeitraum.
Beispiel: M6-Schraube

Eröffnung und Vergrößerung von Märkten.

Verkleinerung von Risiken für den Käufer von Produkten.

Aus der Sicht der Kunden sollten Standards sein:

  • Unabhängig von einem Hersteller, so dass eine Auswahl besteht
  • Technisch ausgereift (vernünftig): "State of the art"
  • Langlebig (zum Investitionsschutz)

Aus der Sicht der Hersteller sollten sie das Gegenteil sein.

Standards/Normen

Standard = Norm = Nach der Geschäftsordnung einer allgemeinen, völkerrechtlich anerkannten Organisation verabschiedetes Dokument, das dringende Empfehlungen zur Gestaltung technischer Produkte oder Durchführung von Geschäftsprozessen macht.

Nach DIN 820:

"Normung ist die planmäßige, durch die interessierten Kreise gemeinschaftlich durchgeführte Vereinheitlichung von materiellen und immatriellen Gegenständen zum Nutzen der Allgemeinheit."

Derartige internationale Standards sind weltweit gültig und können nur von der
  • ISO: International Standard Organisation
  • IEC: International Electrotechnical Commission
verabschiedet werden.

Phasen der Standardisierung

Alle Dokumente müssen folgende Phasen durchlaufen, wobei bei jedem Schritt die Argumente der Kritiker verarbeitet werden:

  • Committee Document früher: Draft Proposal
  • Draft International Standard
  • International Standard

Die Abstimmungen sind international und teilweise sehr Zeit raubend. Standardisierungszeiten von 10 Jahren sind nicht ungewöhnlich.

Auf der anderen Seite sind die Standards sehr ausgereift und langlebig.

ISO-Standards sind nummeriert und beginnen mit ISO gefolgt vom Status.

Beispiele für ISO-Standards:

  • ISO 7498: Open Systems Interconnection Basic Reference Model
  • ISO 7776: X.25 Link Layer
  • ISO 8878: X.25 Network Service
  • ISO 8808: X.25 Network Protocol
  • ISO 8880: LAN Network Services
  • ISO 8886: OSI Data Link Services

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Nationale Standardisierungsorganisationen

In jedem Land (mit Interesse an Standards) gibt es mindestens eine anerkannte Organisation, die Standards beschließt, die jedoch nur für das jeweilige Land gelten.

In Deutschland ist dies das Deutsche Institut für Normung, das Deutsche Industrie Normen (DIN), wie z.B. DIN A 4, herausbringt. DIN-Standards sind nummeriert und beginnen mit DIN.

In Großbritannien ist dies das BSI (Britisch Standards Institution), in den USA u.a.:

  • American National Standards Institute (ANSI)
  • Institute of Electrical and Electronics Engineers (IEEE)
  • Electronic Industries Alliance (EIA)
  • Telecommunications Industry Association (TIA)
  • National Institute of Standards (NIST)

Diese Organisationen sind gleichzeitig Mitglieder der ISO und bringen dort national Standards zur Internationalisierung ein. Neben den länderspezifischen Organisationen gibt es noch Standardisierungen für Europa, z.B. CEPT oder ETSI.

  • CEPT = Conférence Européene des Administrations des Postes et des Télécommunications
  • ETSI = European Telecommunication Standards Institute

Europäische Standards sind nummeriert und beginnen mit EN.

CCITT

CCITT = Consultative Committee on International Telegraphy and Telephony
Gegründet 1865, Sitz in Genf, 1992 154 Mitglieder.

Die CCITT war die internationale Dachgesellschaft aller nationalen Postgesellschaften und hat mit ihren Empfehlungen (Recommendations) dafür gesorgt, dass bei der Kommunikation zwischen den Postgesellschaften alles kompatibel ist. Dies betraf neben dem Telefon/Telegrafie auch die Datenkommunikation.

CCITT gab keine Standards heraus, sondern Empfehlungen, die eine Gültigkeit von 2 bis 4 Jahren hatten.
Begründung: Der technische Fortschritt macht kurze Innovationszyklen auch bei den "Standards" erforderlich.

Die ISO hat viele Empfehlungen der CCITT übernommen und damit zu "echten" Standards gemacht; das Umgekehrte trifft auch zu: ISO is 7498 ist bei der CCITT X.200.

CCITT / ITU-T

Die CCITT wurde 1992 mit der CCIR (Schwesterorganisation für Radio und Funk: Consultative Committee on International Radio) unter der Obhut der Vereinten Nationen als ITU-T übernommen.

  • ITU = International Telecommunication Union
  • ITU-T = International Telecommunication Union Telecommunication Standardization
    (Nachfolge der CCITT)
    ITU-R Nachfolge der CCIR
  • Wie CCITT Sitz in Genf

4-jährige Studienperioden, an deren Ende jeweils ein Buch mit allen zu diesem Zeitpunkt gültigen Empfehlungen beschlossen wird.

ITU-T

Die Dokumente haben einen Buchstaben gefolgt von einem Punkt mit einer laufenden Nummer. Der Buchstabe kennzeichnet die Gruppe.

Die Buchstaben stehen für die Serien, z.B. I-Serie. Fast alle Buchstaben des Alphabets sind vergeben.

Beispiele für Serien:

  • V-Serie: Schnittstellen zu analogen Netzen (Telefonnetz)
  • X-Serie: Schnittstellen zu digitalen Datennetzen
  • I-Serie: ISDN

Beispiele für ITU-T-Empfehlungen:

  • T.50: Internationales Alphabet No. 5
  • V.24: Schnittstellenleitungen zwischen DEE und DÜE
  • V.32: 9600 Kbit/s-Modem
  • V.90: 54.000 bit/s-Modem
  • X.21: Synchrone Schnittstelle zwischen DEE und DÜE
  • X.400...: Nachrichten-Übermittlungs-Systeme
  • X.500...: Verzeichnisdienste
  • I.100...: ISDN allgemein
  • I.200...: ISDN-Dienste
  • I.400...: ISDN-Teilnehmerschnittstellen

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Festlegungen des Internets

Hier ging die "Standardisierung" den "basisdemokratischen" Weg der Erarbeitung durch die Betroffenen. Die Strukturen aus der Frühzeit des Internet sind inzwischen etwas "geordneter", was der großen Bedeutung des Internets Rechnung trägt. Jede Person darf Vorschläge unterbreiten.

Slogan auf T-Shirts (IETF-Sitzung): "We reject kings, presidents, and voting. We believe in rough consensus and running code."

Gremium ist die IETF, Steuerung der offenen Diskussionen erfolgt durch die IESG, die auch die IRTF betreut.

  • IETF = Internet Engineering Task Force
  • IESG = Internet Engineering Steering Group
  • IRTF = Internet Research Task Force
    Beschäftigt sich mit langfristigen Forschungsprojekten.

Ergebnisse

  • Request for Comments (RFC): Festlegung
  • For your Information (FYI): Information

Die RFC haben vier Stufen zu durchlaufen, während es die FYI mit einer Stufe viel leichter haben; der ganze Prozess ist in RFC 2026 definiert.

Ab der Stufe Draft müssen mindestens zwei unabhängige Implementierungen entsprechend dem Vorschlag vorliegen; dies sichert die Praktikabilität.

RFC werden aufsteigend nummeriert, wobei veraltete RFC nicht entfernt, sondern durch neuere ersetzt werden.

Web-Adressen: www.rfc.org, www.rfc-editor.org

Ablauf der Verabschiedung der RFC/FYI:

Ablauf der Verabschiedung der RFC/FYI

Bildbeschreibung "Ablauf der Verabschiedung der RFC/FYI": Vorschlag/Anregung, RFC an Proposed Standard, RFC an Draft Standard, RFC an Full Standard. Wird einer der Schritte abgelehnt, wird eine Mitteilung (FYI) erstellt und ein neuer Vorschlag unterbreitet. Dieser muss dann wieder die einzelnen Schritte durchlaufen.

RFC - Beispiele (Name, Jahr, Beschreibung):

  • RFC 768 (1980): User Datagram Protocol (UDP)
  • RFC 791 (1981): Internet Protocol (IP)
  • RFC 792 (1981): Internet Control Message Protocol (ICMP)
  • RFC 793 (1981): Transmission Control Protocol (TCP)
  • RFC 959 (1985): File Transfer Protocol (FTP)
  • RFC 997 (1987): Internet Numbers
  • RFC 1996 (1996): A Mechanism for Promt Notification of Zone Changes (DNS Notify)
  • RFC 2616 (1999): Hypertext Transfer Protocol, Version 1.1
  • RFC 2223 (1997): Instructions to RFC Authors

World Wide Web Consortium

World Wide Web Consortium (W3C) beschließt bindende Festlegungen, die das WWW betreffen.

Web-Adresse: www.w4c.org

Beispiele:

  • Hypertext Markup Language (HTML)
  • Cascading Style-Sheets (CSS)
  • Extensible Markup Language (XML)

Herstellervereinigungen

In einigen Fällen haben sich teilweise bis zu 1.000 Hersteller weltweit zusammengefasst, um einen "Standard" zu schaffen. In diesen Vereinigungen sind häufig Mitbewerber.

In den dazu konkurrierenden Vereinigungen sind dieselben Mitbewerber ("man weiß ja nie, was sich durchsetzt").

Beispiele:

  • OSF (Open Software Foundation)
  • OMG (Open Management Group)
  • ECMA (European Computer Manufacturers Association)
  • ATM-Forum
  • Bluetooth-Forum
  • X/Open

Hersteller auf dem Weg zum Monopol:

Quasi-Standards oder Industriestandards werden solche Dokumente bezeichnet, die Konventionen oder Vereinbarungen enthalten, die sich an Produkten eines Herstellers, der damit einen großen Marktanteil errungen hat, orientieren.

Beispiele:

  • Standard-PC durch Microsoft (in Kooperation mit Intel)
  • ODBC/JDBC (Microsoft/Sun)
  • IBM Maschinen: 360, 370
  • Systems Network Architecture (SNA) IBM
  • Java (Sun)
    [Inzwischen erlaubt Sun die Standardisierung]
  • HTML-Erweiterungen (Netscape/AOL, Microsoft)
  • SAP mit R/3
  • Befehlssatz des Modem-Herstellers Hayes